Das Hochland

Man könnte fast glauben, daß Interessantes auf Island nur an der Küste zu finden ist. Alle Orte und praktisch alle Strassen führen mehr oder minder nur der Küste entlang. Schlägt man nun einen Reiseführer auf, so findet man nach all der Kultur und Ortbeschreibungen auf den zumeist hinteren Seiten auch ein Hochland-Kapitel.

In diesen Texten tut sich nun eine mystische Landschaft vor dem Auge des Lesers auf: Riesige Lava- und Bimssteinwüsten, in deren lebensfeindlicher Umgebung früher Geächtete ihr Unwesen treiben; Reiter, welche auf der Sprengisandur ihre Pferde antreiben um vor der Nacht heil in einer Oase anzukommen...

Die Beschreibungen in all den Reiseführern können jedoch kaum die Faszination wiederspiegeln, die einem in dieser großartigen Landschaft befällt.

Wie kann man nun diese Landschaft auf einem Islandtrip selber erfahren? Je nach persönlicher Vorliebe gibt es hierzu mehrere Möglichkeiten:

  1. per Bus: Es gibt im Sommer regelmäßige Verbindungen zu der Thorsmörk und nach Landmannalaugar im Süden und zur Herdubreidalindar und Askia im Norden. Entsprechende Angebote findet man z.B. im Reykjaviker Busbahnhof. Diese Art zu Reisen hat seine Vorzüge: Man kann sich z.B. an den Ausgangspunkt einer Wanderung bringen lassen (ein berühmtes Beispiel ist der Trip von Landmannalaugar über die Thorsmörk bis nach Skogar) und nicht zu vergessen - die Busfahrer verstehen ihr Geschäft, Flußdurchfurtungen beispielsweise sind für diese Alltag - so manchen autobahn- verwöhnten tiefergelegten Asphaltpiloten bringt dagegen hierzulande ja schon eine Baustelle an den Rand fahrerischen Könnens. Ein Nachteil darf man nicht vergessen: Obwohl die Busse bei den klassischen Sightseeingpoints zum Fotografieren halten, holt einen nach kurzer Zeit die Hupe wieder zurück in die Wirklichkeit bzw. in den Bus zurück!
  2. per Mietgeländewagen: Nicht die einfachste, aber durchaus eine der effektivsten Art und Weisen Geld auszugeben. Die Preise in der Hauptsaison (Juli-August) können durchaus noch mehr den Schluckreflex auslösen. Wer jetzt eine Mietwagenfirma auf Island aufbauen will sei gewarnt: Es besteht eine nachvollziehbare Beziehung zwischen den Mietpreisen und dem Zustand der Wege auf denen diese Autos bewegt werden. Wer jedoch sein heißgeliebetes und scheckheftgepflegtes Allrad-Vehikel per Smyril-Line nach Seydisfjördur verfrachten und auf Island endlich die große Freiheit erleben möchte, sieht nach seiner Rückkehr neue Beulen und Steinschlagschäden wesentlich gelassener.
  3. per pedes: Mit die schönste Möglichkeit eine Landschaft zu erfahren. Die Geschwindigkeit eines Fußgängers erlaubt es Details der Landschaft zu erkennen, die ein Autofahrer nie bemerken würde. Das isländische Hochland zeigt aber gerade einem Wanderer seine Grenzen auf: In diesen edaphischen Wüsten versickert der Regen fast spurlos im Untergrund, nur an wenigen Orten findet man richtige Oasen mit Wasser und ein wenig Vegetation. Sandstürme sieht man deutlich gelassener, wenn es "nur" den Autolack wegraspelt und nicht das Zelt oder die Sommerbräune. Und die Aussicht in reissendem, knietiefen und vor allem eiskaltem Wasser einen Fluß zu durchqueren zieht auch nicht alle vom Sofa. Kurz gesagt man sollte seine Grenzen sehr genau kennen und eine nicht unerhebliche Leidensfähigkeit besitzen, wird aber schwerlich eine solche Reise wieder vergessen können.
  4. per Rad: Vieles zu den Wanderern Gesagtes gilt auch für Radfahrer. Ich kann man noch sehr gut an die Gesichter von zwei Radfahrern erinnern, welche vor einigen Jahren uns in Hveravellir intensiv nach einer Mitfahrgelegenheit befragten. Der Wind tags zuvor hatte die halbe Geologie Richtung Osten bewegt, die Nacht brachte mit unter -8°C zentimeter-dickes Eis auf die Wasserlachen und der nächste Morgen sah auch nicht nach purem Vergnügen aus. Trotzdem sei Interessierten die Lektüre von Christian E. Hannig's "Island - Vulkane, Eis und Einsamkeit" empfohlen.

Egal welche Reisemethode man nun bevorzugt, sollte man einige Regeln nicht vergessen:

Trotz der Bezeichnung "Wüste" hat man es mit einer sehr empfindlichen Landschaft zu tun. Die Spuren, welche die von der Camel-Trophy verleiteten Allrad-Rambos hinterlassen, verbleiben für Jahre in der Landschaft und geben den häufig tobenden Stürmen nur einen guten Ansatzpunkt - Winderosion scheint auf Island erfunden worden zu sein. Noch sind es relativ wenige Touristen, welche das isländische Hochland besuchen. Die Probleme werden jedoch mit der Anzahl der Besucher nur deutlicher werden - hierbei hat es aber jeder einzelne selber in der Hand sich entsprechend zu verhalten und dem Begriff "sanfter Tourismus" Bedeutung zu geben. Wer die Landschaft auf eigene Faust erleben möchte, sollte auch Vorsichtsmaßnahmen für sich einkalkulieren. Der Begriff Wüste hat seine Berechtigung - nicht überall findet man trinkbares Wasser und von der Engelwurz in manchen Oasen konnten früher auch nur Geächtete satt werden, McFastFood gibts hier nicht und Brücken findet man im Hochland eher selten, die Flüsse wollen gefurtet sein. Seit einigen tragischen Unfällen gibt es an vielen bedeutenderen Furten ganz nette Warnschilder: Auch wenn man über den freundlich gemeinten Hinweis lachen mag - warme Kleidung in leuchtenden Farben zu tragen - die Gewalt eines Flußes kann nach einem starken Regenguß auch schwere Geländewagen umwerfen. Daß diese Flüße dazu noch eiskalt sind ist dann nur nebensächlich von Bedeutung. Das gelinde gesagt "bunte" Wetter Islands bringt im Hochland schnell Spannung ins Leben: Nach einem Regenguß ist so mancher vorher bei der Durchfurtung belächelte kleine Bach plötzlich ein reißender Fluß geworden, bei dem man das beliebte Spiel "Geht! Geht nicht?" spielen kann. Schnee darf einem da im August auch nicht stören... Kurz, eine gewisse Portion Vorsicht ist par tous nicht überflüssig, sondern konkret lebensnotwendig, vor allem wenn man sich in der Nebensaison durch völlig vereinsamte Landschaften wagt. Belohnt wird man mit der unheilbaren Infektion mit dem Hochlandvirus. Sprüchen von Freunden wie "Schon wieder zum Nordpol?" können einen dann nicht mehr berühren.

Zwei Touren möchten wir an dieser Stelle vorstellen:

Brú-Askja-Ringstraße

Kjölur



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